Hasso-Plattner-Institut
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06.09.2018

Der Raum als Innovationsmotor: Warum Architektur allein nicht reicht.

Von Annie Kerguenne

Annie Kerguenne Programm-Managerin bei der HPI Academy

Charles-Édouard Jeanneret hatte ein perfektes architektonisches Konzept entwickelt: Ein vertikales Dorf, das den Menschen und seine Bedürfnisse konsequent in das Zentrum stellte. Das Gebäude, nach dem 2. Weltkrieg von der Stadt Marseille beauftragt, wurde aus kostengünstigem, jedoch stabilem und hochflexiblem Stahlbeton gebaut. Die Umgebung, das Sonnenlicht und die Bäume, wurden als natürliche Bauelemente integriert. Das Maß aller Planungen war der 1.83 m große Mensch. Küchen, Einbauten, Grundrisse und die Höhe der Räume waren exakt danach ausgerichtet.

Credits: researchgate/publication 268221925
Credits: researchgate/publication 268221925

Alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens waren berücksichtigt und hatten ihren Raum: Das Wohnen, das Arbeiten, die Unterhaltung, das Einkaufen – die perfekte „Wohnmaschine“, so wie Le Corbusier  - der bekanntere Name des Architekten – selbst das Gebäude nannte, war für Kriegsheimkehrer und ihre Familien gedacht. Sie sollten trotz Verlust ihrer zerbombten Wohnungen wieder gut leben – und sich von den Verletzungen an Leib und Seele erholen. Das Projekt floppte auf so phänomenale Weise, dass der Staat kurze Zeit nach der Fertigstellung sämtliche Mietwohnungen zum Verkauf anbot.

Das Problem: die Menschen mochten es nicht. La Maison du Fada – „Das Haus des Irren“ –  war zu revolutionär und brach mit allen Wohn-Gewohnheiten der damaligen Zeit. Der überdimensionale Bau mit mehr als 350 Wohnungen erinnerte eher an ein Gefängnis mit Zellen als an ein Wohnhaus. „Es fehlt nur noch dass eine Geburtsstation und ein Friedhof integriert werden, dann kommen die Bewohner gar nicht mehr hinaus“, so die Kritik der Zeit. Trotz seiner Größe balancierte der schwere Bau auf Betonpfählen statt auf einem sicheren Fundament. Alle gängigen Symbole für Wohlstand und Ansehen fehlten: Die Fassade: schlicht und funktional in kindlichen Primärfarben statt mit repräsentativem Ornamenten verziert. Die Räume: zwar modern mit Zentralheizung und einem ausgeklügelten Abfallsystem ausgestattet, aber mit einer Deckenhöhe von nicht einmal 2.50 m ein Affront gegen das bürgerliche Ideal. Das orientierte sich an den Standards der großherrschaftlichen Villen und Schlösser. Die Krönung des Wahnsinns war das Dach: Flach und begehbar, sogar – und dies überstieg die Vorstellungskraft einer Gesellschaft, die mit Räumen unter dem Dach Abstellflächen für Gerümpel oder bestenfalls Kammern für die Bediensteten verband –  dieses Dach war nutzbar. Es gab ein Wasserbecken für Kinder, einen Lauf-Parcour, fest installierte Tische und Bänke, eine Bühne und diverse künstliche Felsen und Pflanztröge. Das was heute eine unwiderstehliche Anziehung auf die Menschen in jeder Großstadt ausübt, war nach dem 2. Weltkrieg in Marseille der Beweis für die mangelnde Zurechnungsfähigkeit von Architekt und Bauherr. Die Menschen wollten keine „moderne Architektur, die die Art zu wohnen revolutionierte“. Sie wollten ihre Häuser und Wohnungen zurück, die ihnen der Krieg genommen hatte. Und was sie auf gar keinen Fall wollten, war, bevormundet werden und als Versuchskaninchen in eine „Wohnmaschine“ gesteckt werden.

Credits: Annie Kerguenne
Credits: Annie Kerguenne
Credits: Annie Kerguenne
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Sie befürchteten zudem, genau so verrückt zu werden wie der Erbauer, wenn sie in dieser Art Gebäude wohnten. Und erst als die Wohnungen – sehr günstig – zum Verkauf angeboten wurden und die neuen Bewohner anfingen, die freien Bereiche, selbst zu gestalten, begann das Konzept zu greifen. So entstanden das Hauskino, der Tischtennisraum und die Sporthalle im Gebäude.

Welchen Einfluss dieser Raum auf das Verhalten der Bewohner-Gemeinschaft hat, konnte ich diesen Sommer selbst erforschen denn ich verbrachte 2 Wochen in einem der wenigen Ferienapartments der Cité Radieuse. War die These „der Raum beeinflusst die Inter-Aktion einer Gemeinschaft“ nur eine Theorie auf dem Papier der Architekturpublikationen oder echtes Leben?

Ich wohnte unter der tiefen Decke in offenen Räumen ohne Türen, kaufte im dritten Stock, der „Einkaufsstraße“ des Hauses Croissants in der Bäckerei, Bücher im Buchladen und trank meinen Café morgens im der Café-Bar. Ich joggte morgens auf dem Dach und verbrachte die Abende mit meinen temporären Nachbarn auf genau diesem „Dorfplatz“ des Hauses.

Hier spielte sich das Leben ab: Familien mit kleinen Kindern, Pärchen, Gruppen von Jugendlichen, Singles und Senioren verbrachten die Stunden bis zum Sonnenuntergang unter freiem Himmel, ab und zu mit 80er Jahre Disco-Tanz oder spontanen Live-Musik Einlagen ambitionierter Gitarrenspieler. Drei Aha-Erlebnisse habe ich mitgenommen:

1. Noch nie habe ich mich in einer fremden Wohnung so schnell intuitiv zurechtgefunden: alles – nahezu alles - ist exakt so, wie es die funktionale Nutzung nahelegt. Die Mini-Originalküche, von der Innenarchitektin Charlotte Perriand signiert, ist so schlau geplant wie eine Schiffs- oder Flugzeugküche. Jeder Platz ist perfekt ausgenutzt, alle Arbeitsplätze entsprechen den natürlichen Abläufen beim Kochen. Ich war regelrecht verärgert, als sich an der Stelle, wo eigentlich eine Aufhängung für das Geschirrtuch sein musste (rechts neben dem Waschbecken) – diese fehlte. Am nächsten Tag besorgte ich mir einen Haken mit Saugnapf und alles war perfekt. Keine Duschkabine ohne Ablage für die Seife und natürlich war die Befestigung für die komplett aufklappbaren Balkontüren exakt an der Stelle in der Wand, wo ich sie suchte. Die Treppen aus Stahl und Holz (von Jean Prouvé entworfen): schmal und trotzdem sicher. Sogar für Kleinkinder, denn die Treppenstufen sind zweiteilig so dass sich Krabbelkinder an dem Schlitz zwischen den zwei Stufenleisten festhalten und hochziehen können.

Das Beeindruckende an den kleinen Räumen war ihre Weite. Diese wird dadurch erzeugt, dass jede Wohnung erstens auf zwei Ebenen konzipiert und zweitens an zwei der vier Begrenzungswände komplett geöffnet werden kann. So gut wie jede Wohnung läuft quer zur Balkenarchitektur und öffnet sich jeweils auf einer der zwei langen Gebäudeseiten. Das schafft Licht und eine intensive Integration in die Umgebung – ein Park mit Blick auf das 3 Km entfernte Meer.

2. Als Tourist hatte ich selten in so kurzer Zeit so regen Austausch mit den Einwohnern meines Urlaubsortes. In Frankreich ist man höflich – „Bonjour Madame“ im Aufzug gehört anders als in Berlin zum guten Ton. Aber man bleibt gerne unter sich. Neugieriges Fragen nach Herkunft und Grund des Aufenthalts, Einladungen zum Wein, Gespräche über die Vor- und Nachteile des Lebens im „Corbu“: „Wir kennen uns hier alle, helfen und gegenseitig, aber im Winter ist das mit der Heizung echt ein Problem“ - waren hier natürlicher Bestandteil der sozialen Interaktion.
 

3. Im Haus wohnt eine sehr heterogene Gemeinschaft mit vergleichsweise vielen ältere Menschen. Marthe, Mitte 75, mit Kindern in Paris und alleinstehend habe ich niemals alleine angetroffen. Entweder sah ich sie im Café oder in der Lobby am Briefkasten mit den Concierges – oder abends auf dem Dach von Gruppe zu Gruppe gehend. Überall war sie willkommen und Teil der Familie. Gruppen von Jugendlichen verbrachten hier die Abende Seite an Seite mit den Eltern-Cliquen, alle sahen ab und zu nach den lauten Kleinkindern, die mit sich selbst und dem Planschbecken gut und sicher beschäftigt waren. Eine vielfältige Gemeinschaft aus locker verbundenen Interessengruppen.

Aus der Corbusier-Historie lassen so sich einfache Regeln für die Raumgestaltung ableiten, wenn Räume als Werkzeuge für kollaborative und kreative Arbeit funktionieren sollen.

  1. Raum bereitstellen ist die Basis: die Nutzung freier oder temporär freier Räume ermöglichen – oder neue schaffen. Dieser Freiraum und seine Funktion sollte dann public gemacht werden und für jeden einfach zugänglich sein.
  2. Mitgestaltung und Mitbestimmung fordern und fördern, damit eine natürliche Identifikation, sozusagen eine „Eigentümerschaft“ durch die Pioniere der neuen Arbeitsweise wachsen kann.
  3. Den pragmatischen Nutzen*, das heißt den Alltagsnutzen des Raumes für die Menschen entdecken und verstärken – das sorgt für die Eigendynamik in der Veränderung.

Aktuelle Praxisbeispiele von Unternehmen, die Design Thinking implementieren, zeigen sehr ähnliche Merkmale:

Die Norddeutsche Landesbank gehört seit vielen Jahren zu den Unternehmen, die Design Thinking nicht nur als Innovationsmethode nutzen, sondern auch das Prinzip der Raumgestaltung als Werkzeug für Veränderung in ihre Kultur integrieren. Das Konzept „freiraum“ ist von den Design Thinking Pionieren in der Bank entwickelt und umgesetzt worden und basiert auf drei strategischen Räumen der Arbeits-Interaktion:

  1. Physischer Raum: für Strategie-Sitzungen, Board-Sitzungen und regulären Arbeitsbesprechungen; Gestaltung von Meetingräumen für kollaboratives Arbeiten und visuelle Kommunikation mit entsprechenden Möbeln und Arbeitsmaterialien stärken.
  2. Inspirations-Raum: – ein Programm mit Impuls-Events, regelmäßigern Wissensaustausch und Ideenwettbewerben
  3. Explorationsraum: Experten unterstützen beim Ausprobieren von neuen Meeting- und Workshopformaten mit Werkzeugen, Moderation und Planung.
Credits: NLB
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Dirk Weimann, Head of Global Product Strategy and Market & Trendresearch für die Nutzfahrzeuge Sparte der Volkswagen AG ist seit 2013 Design Thinking Pionier. In der Gestaltung von Kreativräumen ging der Innovator extreme Wege, die für Gesprächsstoff sorgten, die Partizipation förderten und so einen nachhaltigen pragmatischen Nutzen im Arbeitsalltag seines Teams schafften. Nach der Teilnahme am Professional Track am HPI entschied er kurzerhand das eigene Büro für die Teamarbeit zu öffnen. Gemeinsam mit seinem Team wurde die Fläche zunächst leergeräumt und dann mit selbstgebauten Möbeln aus Baumarkt und Discount-Möbelhaus bestückt: Stehtische, Hocker, vertikale Arbeitsflächen zum Visualisieren der Arbeit – alles wurde gemeinsam geplant, abgeholt und gebaut – um den neun Monate langen Bestellprozess für Mobiliar im Unternehmen zu überbrücken. Das Team kann nun den sehr schönen, ursprünglich für Repräsentationszwecke gestalteten Raum frei nutzen und organisiert sich dabei mit Hilfe einfacher Regeln selbst. „Es macht einfach mehr Spaß die Meetings hier zu machen, wir geraten nicht mehr automatisch in die Endlosdiskussionsschleife und sind oft viel schneller fertig.
Selbstorganisation und Freiheit beschränken sich in Dirk´s Team nicht nur auf den physischen Raum, auch seine Haltung zur Führung hat sich verändert. Das Team berichtet, dass sich neben der Raumfunktionalität auch der Führungsstil transformiert hat. „Die Zeiten des Top-Down-Micromanagements ist vorbei. Wir definieren am Anfang als Team Ziel und Zeitraster eines Projektes. Dann kommen wir zu Milestone-Meetings zusammen, um Hürden und Fortschritt zu besprechen. Das Arbeiten ist effizienter und bringt bessere Ergebnisse, weil jeder frei entscheidet, wie er seine Expertise zur Zielerreichung am besten einbringt.“

Raum gestalten, so dass Gestaltungsfreiraum entsteht – das ist keine Frage aufwändiger Architektur, denn die kann auch nach hinten losgehen. Den Raum als Motor für Aktion, Interaktion und Innovationskraft der Menschen im Unternehmen entsprechend konzipieren und nutzbar machen, das erfordert ein Denken jenseits der Budgets für Umbauten und Inneneinrichtung.

„Der Raum ist die Körpersprache eines Unternehmens – seine Gestaltung und Funktionalität reflektieren die Kultur.“ Sagt Dirk Weimann, der erfolgreich mehr und mehr Räume und Gestaltungsräume verwandelt.

*) Forschung zur pragmatischen Legitimation von Innovationsmethoden: “Making It Happen: Legitimizing Design Thinking in Organizations.” By Ingo Rauth, Lisa Carlgren, and Maria Elmquis