Hasso-Plattner-Institut
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02.08.2018

Was ist Design Thinking?

Eine Einführung von Annie Kerguenne

Schon in den 1920er Jahren wurde in der Bauhaus-Bewegung der Leitsatz »Form follows function.« populär. Die Gestalt oder die Form eines Gegenstandes sollte sich von nun an aus dem Zweck ableiten, dem er dient. Nicht mehr ästhetische Moden oder Schönheitsideale einer Epoche sollten bestimmen, wie die Dinge zu gestalten sind, sondern eben die Funktion für den Nutzer. Sie stand für die Bauhaus-Pioniere in Architektur und Industriedesign im Vordergrund. Dieser Leitgedanke kann als Vorstufe zum Design-Thinking-Prinzip der Nutzerzentriertheit interpretiert werden, denn auch hier stellen das Bedürfnis und die Erfahrung des Nutzers den Start- und Bezugspunkt im Entwicklungsprozess dar.

Annie Kerguenne Programm-Managerin bei der HPI Academy

Was braucht der Nutzer?

Wenn Sie also mit Design Thinking an die Lösung einer Fragestellung gehen möchten, dann tun Sie zunächst genau das: Sie fragen als Erstes nicht nach Machbarkeit oder Wirtschaftlichkeit, sondern: Was braucht mein Nutzer? Wobei kann ich ihm helfen? Wie erlebt sie oder er die Situation/das Produkt? Auf solche Fragen gibt es nicht die eine, einfache Antwort. Deshalb nahmen sich die ersten Design-Thinking-Pioniere in den 1970er und 1980er Jahren vor: »Multidisziplinarität anstelle von isoliertem Spezialistentum!« Der Gedanke dahinter war und ist eigentlich logisch und klingt heute fast banal: Eine Innovation ist umso erfolgreicher, je besser sie die verschiedenen Facetten des Problems und des Nutzerbedürfnisses berücksichtigt. Folglich bringt erst die Kombination der unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven eine erfolgversprechende Lösung hervor.

Vielleicht haben Sie selbst im Unternehmen schon diese Erfahrung gemacht:

Dienstleistungen oder Produkte, die gemeinsam von Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb entwickelt worden sind, haben im immer stärker werdenden Wettbewerb einfach mehr Chancen, erfolgreich zu sein. Globalisierung, Digitalisierung und die Notwendigkeit, schneller, innovativer, flexibler und effizienter zu sein als je zuvor, stellen Unternehmen vor Herausforderungen, die mit den herkömmlichen Strategien allein nicht mehr zu meistern sind. Design Thinking ist insofern nicht nur eine Methode, um erfolgversprechende Innovationen hervorzubringen, sondern es ist eine grundsätzliche Haltung, mit der komplexe Probleme aus allen Bereichen strukturiert und planvoll bearbeitet werden können. So werden heute Produkte, Dienstleistungen, unternehmensinterne Prozesse und komplette Geschäftsmodelle mithilfe von Design Thinking verändert und neu gestaltet.

Der Prozess von Desing Thinking

Es gilt, sich darauf einzulassen, die Lösung eines Problems nicht in einem Arbeitsschritt zu erreichen, sondern durch eine wiederkehrende Abfolge von Verbesserungsversuchen. Dieses Design-Thinking-Prinzip ist von der sogenannten iterativen Vorgehensweise inspiriert, die in der Informatik Anwendung findet. Es bedeutet, dass man sich auf unbekanntem Terrain Schritt für Schritt vortastet, aus den Ergebnissen lernt und immer mehr wertvolle Erfahrungen sammelt, je weiter man sich nach vorne bewegt.Unternehmen, die sich wandeln wollen und eine Kultur des Lernens verankern möchten, erleben dieses Prinzip als hilfreich. Denn frühes und häufiges Scheitern wird hier nicht als Fehlverhalten, sondern als sinnvolle, kostensparende und effiziente Methode in einem Innovationsprozess bewertet. Besonders dann, wenn Situationen von Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Vieldeutigkeit geprägt sind, hilft diese iterative Vorgehensweise dabei, handlungsfähig und erfolgreich zu sein. Im Wesentlichen besteht der Design-Thinking-Prozess aus sechs Schritten. Die klare Abgrenzung dieser Arbeitsschritte voneinander erweist sich dabei als große Stärke. Denn sie helfen, den Prozess zu strukturieren und das kreative Potenzial von diversen Teams freizusetzen. Analyse und Kreativität, Exploration und Synthese erfolgen nie gleichzeitig, sondern immer in klar festgelegten Zeitabschnitten. So kann sich das Gehirn mit seiner ganzen Kapazität auf jeweils einen Denkmodus konzentrieren: entweder auf das divergente Denken – hier wird möglichst breit in Optionen gedacht –oder auf das konvergente Denken – hier werden die Möglichkeiten bewertet und reduziert.

Der Lernprozess

Methodisches Wissen ist auch beim Design Thinking wichtig. Es bildet aber lediglich eine Leitlinie für die flexible Anwendung. Und die Design-Thinking-Fertigkeit wächst – fast automatisch – mit zunehmender Praxis. Im Grunde funktioniert der Lernprozess in drei Schritten:

1. Methode

Wir lernen zunächst, die Werkzeuge des Design Thinking für bestimmte Anwendungszwecke zu benutzen, und kommen zu überraschenden Lösungen.

2. Mindset

Über die praktische Anwendung entwickelt sich – wie zum Beispiel auch beim Kochen – nach und nach das Verständnis der Gesetzmäßigkeiten, die für die Lösungserreichung verantwortlich sind. Sind diese Prinzipien erst einmal verstanden, fällt es leicht, die Instrumente und Prozesse des Design Thinking an die Anwendungsfelder im eigenen Kontext anzupassen. So entsteht nach und nach ein neuer Blick auf Probleme und ihre Lösungsoptionen.

3. Kultur

Die Haltung, komplexe Probleme in einem gemeinsamen Lernprozess auf Grundlage konsequenter Nutzerorientierung anzugehen, lässt zunächst neue Gewohnheiten, Rituale, Prozesse oder Kommunikation und nach und nach eine neue Kultur entstehen. Der Mensch und seine angeborene Fähigkeit, sich zu entwickeln, werden in das Zentrum der Organisation gestellt. So lassen sich Veränderungsprozesse steuern, die eine bedürfnisgerechte Anpassungen an eine immer schneller und komplexer werdende Welt möglich machen.